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1. Auf welchen Grundlagen basiert das thailändische Bildungswesen?
Die Grundlagen für das thailändische Erziehungswesen
sind einerseits in entsprechenden Artikeln der Verfassung vom
Oktober 1997 und andrerseits im National Education Act vom August
1999 festgelegt. Grundsätzlich hat der Staat nach Art.
81 der Verfassung die Pflicht, das Erziehungswesen jeweils im
Einklang mit den ökonomischen und sozialen Veränderungen
zu verbessern, d.h. dass das Bildungswesen einem permanenten
Anpassungs- und Reformprozess unterliegt. Hervorzuheben ist
ferner, dass nach Art. 43 – zum erstenmal in der thailändischen
Geschichte – alle Thailänder das Recht auf eine kostenlose,
mindestens 12-jährige Ausbildung haben.
Die Konkretisierung dieser Grundsätze erfolgte im National
Education Act vom August 1999. In 9 Kapiteln werden hier konkrete
Aussagen zu Zielen und Grundsätzen der Erziehung, zu Aufbau
und Gliederung des Bildungswesens, zu Verwaltung und Administration,
zur Lehrerausbildung, zu Kosten und Aufwand sowie zum Einsatz
neuer Technologien gemacht. Im Jahre 2002 wurde ein National
Education Plan verabschiedet, der für den Zeitraum von
2002 bis 2016 den Rahmen dafür vorgibt, wie und in welcher
Abfolge die jeweiligen Absichten umzusetzen sind.
2. Wie ist das Bildungswesen gegliedert?
Das Schulsystem folgt einem 6-3-3-Schema. Nach einer Vorschule
(ab dem 3. Lebensjahr) besuchen die Kinder mit 6 Jahren die
Primary School; nach 6 Jahren wechseln sie auf die Lower Secondary
School (Alter 12-15) und nach weiteren 3 Jahren entweder auf
die – allgemeinbildende - Upper Secondary School oder
auf die –berufsbildende - Upper Secondary (Vocational)
School, die sie nach 3 Jahren im 18. Lebensjahr verlassen. Alle
diese Stufen werden mit einem Zertifikat abgeschlossen; der
Eintritt in die nächste Stufe ist von einer erfolgreichen
Eingangsprüfung abhängig. An die allgemeinbildende
Upper Secondary School kann sich dann eine Hochschulausbildung
anschließen, die mit dem Bachelor (nach 4 Jahren), dem
Master (nach 1 bis 2 Jahren) oder der Promotion (nach weiteren
3 Jahren) endet. Auf die berufsbildende Upper Secondary (Vocational)
School folgt der Besuch eines 2-jährigen Colleges, das
mit einem Certificate endet. Gegenwärtig beträgt die
Pflichtschulzeit 9 Jahre; davon entfallen 6 Jahre auf Primary
und 3 Jahre auf Lower Secondary Education.
Verglichen mit ihren deutschen Kommilitonen sind die thailändischen
Studenten sehr früh mit ihrem Studium fertig: mit 22 oder
spätestens mit 24 Jahren treten sie in das Berufsleben
ein.
Privatschulen sind unter staatlicher Aufsicht in allen Bildungsstufen
zugelassen; eine zahlenmäßig bedeutende Rolle spielen
sie bislang mit 25% nur in der Pre-Primary-Education und mit
10% im Primary Sector.
3. Wie hoch sind die Ausgaben für das Bildungswesen?
Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist
von 3,3% im Jahre 1995 auf 4,0% im Jahre 2004 gestiegen. Am
höchsten war der Anteil mit 4,3% in den Jahren 2000 und
2001. Für den genannten Zeitraum ergab sich folgende Entwicklung:
| 1995 |
3,3% |
| 1996 |
3,5% |
| 1997 |
3,9% |
| 1998 |
3,9% |
| 1999 |
3,7% |
| 2000 |
4,3% |
| 2001 |
4,3% |
| 2002 |
4,2% |
| 2003 |
4,2% |
| 2004 |
4,0% |
Zum Vergleich: In Deutschland betrug dieser
Anteil im Jahre 2000 5,3%; in den OECD-Ländern im Durchschnitt
5,5%. Korea mit 7,1% und die USA mit 7,0% lagen an der Spitze,
am Ende stand die Türkei (3,4%) hinter Griechenland (4,0%)
.
Der Anteil des Bildungsbudgets am gesamten Staatshaushalt stieg
von 18,8% im Jahre 1995 auf 24,4% im Jahre 2004. Am höchsten
war dieser Anteil mit 25,7% im Jahre 2000. Für den genannten
Zeitraum ergab sich folgende Entwicklung:
| 1995 |
18,8% |
| 1996 |
19,5% |
| 1997 |
20,6% |
| 1998 |
25,2% |
| 1999 |
25,1% |
| 2000 |
25,7% |
| 2001 |
24,6% |
| 2002 |
21,8% |
| 2003 |
23,5% |
| 2004 |
24,4% |
Dabei entfällt auf die Vorschule und die
Grundschule der größte Anteil des Bildungsbudgets;
im einzelnen ergab sich für das Jahr 2004 folgende Verteilung;
die Vergleichszahlen für OECD und Deutschland betreffen
das Jahr 2000.
| |
Thailand |
OECD |
Deutschland |
| Pre-Primary und Primary Education |
44,5% |
48% |
51% |
| Secondary Education |
27% |
24% |
23% |
| Higher Education |
13% |
24% |
19% |
4. Wie hoch ist die Bildungsbeteiligung?
Die Schulpflicht ist in Thailand - von wenigen Regionen abgesehen
– durchgesetzt. Über 90% aller Kinder besuchen die
Vorschule, im Jahre 2003 besuchten fast 30% eines Jahrgangs
den Hochschulsektor gegenüber 22,5% im Jahre 1999. Im einzelnen
stellte sich die Bildungsbeteiligung in den Jahren 1999 bis
2003 folgendermaßen dar:
| Sector |
1999 |
2000 |
2001 |
2002 |
2003 |
| Pre-Primary |
96,2% |
95,7% |
93,1% |
90,6% |
87,7% |
| Primary |
102,3% |
103,2% |
103,8% |
104,8% |
104,4% |
| Secondary |
68,7% |
69,7% |
70,6% |
71,2% |
71,7% |
| Higher |
22,5% |
23,7% |
26,1% |
??? |
29,5% |
5. Wie läuft der Unterricht ab?
Der Unterricht in thailändischen Schulen und Hochschulen
ist wesentlich von der alten buddhistischen Tempel-Tradition
geprägt. Der Lehrer liest und trägt den Stoff vor,
die Schüler schreiben mit und geben in Prüfungen das
Auswendiggelernte wieder. Der Lehrer ist unbedingte Autorität,
dessen Kompetenz und Fachwissen nicht angezweifelt wird. Er
bestimmt die Lerninhalte, gibt die Lernwege und Lösungen
vor und legt die Leistungskontrollen und Noten fest. In dieser
Einweg-Kommunikation übernehmen die Schüler eine passive
Rolle; erfolgreich ist, wer den Lernstoff am genauesten und
umfassendsten reproduzieren kann. Ziel dieser Art von Unterricht
ist es, dass die Schüler Wissen erwerben, Kenntnisse haben,
Fragen beantworten und den Lehrer als Respektsperson achten
und verehren. Diese Didaktik soll nun - nach Art. 22-24 des
National Education Act - zugunsten einer schülerorientierten
Lehre verändert werden. In Zukunft sollen - auf der Basis
des Konstruktivismus - sich die Schüler den Unterrichtsstoff
eigenständig und aktiv erarbeiten; sie sollen lernen, problemorientiert
vorzugehen, Fragen zu stellen, Meinungen zu entwickeln, zu diskutieren
und im Dialog nach der richtigen Lösung zu suchen. Diese
Reform beinhaltet vor allem eine grundlegende Veränderung
der traditionellen Lehrerolle: dieser ist in Zukunft nicht mehr
Lenker des Unterrichts, sondern Begleiter und Moderator des
Lern- und Erkenntnisprozesses seiner Schüler. Diese Veränderungen
werden einen revolutionären Wechsel im Lehr-, Lernsystem
einleiten und zu einem Bruch mit der uralten und tief verwurzelten
Lehrtradition in Thailand führen. Es wird sicherlich mehrere
Generationen brauchen, bis sich im Sinne dieser Reform eine
neue thailändische Didaktik im Spannungsfeld von Modernität
und Tradition entwickeln und durchsetzen wird. |